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Mit Rock und Pop den Nachwuchs in
die Chöre locken Immer weniger junge Leute in den Gesangvereinen / Suche nach Wegen aus der Krise / Spielen finanzielle Gründe eine Rolle bei Austritten
Offenbach (frö) - Vereine klagen schon seit längerer
Zeit über Nachwuchsmangel. Besonders Gesangvereine scheint es in dieser Hinsicht schwer getroffen zu haben. "In den Familien wird heute einfach zu wenig gesungen", bedauert Birgit Grün, Chorleiterin einer
Kinderschola in Bieber und aktive Sängerin der Concordia in diesem Stadtteil.
"Aus diesem Grund bauen gerade Kinder und junge Erwachsene große Hemmungen vor dem Singen auf, interessieren sich deshalb gar nicht
mehr für einen Chor", vermutet Grün. Gesangvereine müssten sich heute schon besondere Aktionen einfallen lassen, um neue Mitglieder zu werben. Birgit Grün berichtet von der Teilnahme der Concordia an einer
Opernaufführung und dem Angebot der offenen Probe, in der jedermann in die Aktivitäten des Vereins hineinschnuppern könne.
"Sogar Stimmbildung bieten wir mittlerweile an", erzählt die studierte
Musikwissenschaftlerin. Letztlich würde jedes Werbeprojekt dem Verein jedoch maximal ein neues Mitglied bringen. Der Anspruch, den die potentiellen Sänger an sich stellten, sei viel höher als noch vor einigen Jahren.
"Viele Menschen denken, sie könnten einfach nicht singen", weiß Grün.
Auch der Männerchor Humoria Bürgel hat Mitgliederprobleme. Jürgen Michel berichtet von einer Reihe von Austritten aus finanziellen
Gründen. Der Mitgliederbeitrag sei aber unbedingt notwendig, schon um die beiden Chorleiter zu bezahlen. Im Moment könnten neue junge Mitglieder, die sich besonders für den jungen Chor "Happy Voices" interessierten,
das Abwandern von älteren Sängern noch ausgleichen, aber die Mitgliederzahl verfolge trotzdem eine stets negative Tendenz.
Nur einer kann die Sorgen der anderen nicht bestätigen: Peter Josef Kunz-von Gymnich, Leiter
der Polyhymnia Bieber. Dem Verein gehören 140 Sänger und Sängerinnen an. Seit Kunz-von Gymnich die Leitung übernahm, hat sich die Mitgliederzahl fast verdreifacht. Nachdem sich 1984 der erste Frauenchor Offenbachs zusammenfand,
folgte kurze Zeit später die Gründung eines Rock- und Popchores. Heute zählt der Verein fünf Abteilungen und jede kann sich individuell ihre Gesangsliteratur aussuchen: Die Polyhymnia hat sich der neuen Zeit angepasst.
Kunz-von Gymnich: "Wenn die Kids gerne Linkin Park und Hits anderer aktuellen Bands singen wollen, dann dürfen sie das natürlich auch." Die Projekte stellt der Verein dann in eigenen Konzerten oder bei anderen
Veranstaltungen vor.
Die neuste Idee der Polyhymnia heißt "Sing'n'Play": Jugendliche, die selbst ein Bandinstrument spielen, sollen angesprochen werden, miteinander moderne Stücke zu rocken und
gemeinsam zu singen - die große Resonanz bestätigt das Projekt.
Die Krise des Gesangvereins scheint also kein generelles Problem zu sein - es ist vielmehr abhängig vom Engagement im jeweiligen Verein. Ein
Beispiel: Junge Leute interessierten sich nur für die Disko und die Musik käme für sie aus dem Radio, zeigt sich ein anderer Chorleiter völlig desillusioniert. Seine Konsequenz: "Wir bieten deshalb auch keine
speziellen Projekte für Jugendliche an." Dann bleibt der Nachwuchs eben aus.
Wenn aber weiterhin genügend engagierte Gruppen bestehen, ist die Sorge, die Chöre könnten langsam aussterben, sicher unbegründet,
auch wenn Kunz-von Gymnich die Zukunft eher im immer wieder neu zusammengestellten Projektchor sieht.
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